POV: Élodie
Meine Großmutter war gestorben, und seitdem lebte ich als Mensch. Sie war alles für mich gewesen – mein Anker, meine Führerin. Ich arbeitete hart, um zu sparen und mir ein besseres Leben aufzubauen, doch es war nicht leicht.
„Wir sind heute völlig überlastet! Aber ich habe zwei gute Nachrichten“, rief Jack, mein Chef. Ich arbeitete in einem kleinen Diner der Stadt, einem Ort, der ein wenig wie eine Familie wirkte. Es sollte nur ein vorübergehender Job sein, bis ich etwas Besseres fand … und trotzdem war ich immer noch hier.
„Die erste“, fuhr Jack fort, „ist, dass wir unsere neuen Uniformen bekommen.“
„Gott sei Dank! Ich halte diese Kleidung nicht mehr aus“, murrten meine Kolleginnen, vor allem Marianne – meine beste Freundin.
„Wir sehen aus wie Lumpen! Nie werde ich einen Freund finden, wenn ich so angezogen bin“, fügte sie hinzu, was mich zum Lachen brachte. Sie war schön und schlank, mit langen lockigen Haaren, die ihr über den Rücken fielen. Sie wirkte sanft.
„Und die zweite“, sagte Jack und senkte die Stimme für dramatische Wirkung, „ist, dass ein wichtiges Ereignis bevorsteht – ein Gipfeltreffen für Geschäftsführer, Unternehmer … du weißt schon, einflussreiche Persönlichkeiten.“
„Oh mein Gott!“, rief Marianne begeistert aus.
„Neue Gesichter in der Stadt!“, schrie ein anderer Kollege, und plötzlich war das ganze Diner in Aufruhr.
„Ich hoffe, sie sind schön, jung und reich“, sagte Marianne mit einem schelmischen Lächeln.
„Ich hoffe nur, dass die neuen Uniformen auch größere Größen haben … und keine Miniröcke, du weißt, was ich meine“, murmelte ich.
„Willst du mich verarschen? Ehrlich gesagt! Ich würde alles darum geben, deine Kurven zu haben! Ich bin sicher, sie werden alle beeindruckt sein“, sagte sie und stieß mich spielerisch mit der Hüfte an. Ich war immer noch dieses runde Mädchen, das das Rudel hasste: die Dicke, die Schwache, die Verliererin. Ich war nie dorthin zurückgekehrt. Nein, niemals. Ich war einfach … ich selbst. Élodie. Diese einsame Blondine mit der üppigen Brust, runden Hüften und dicken Oberschenkeln. Dieses Mädchen, das nie einen Gefährten haben würde – auch wenn hier niemand etwas von Werwölfen wusste. Doch ich lebte mein Leben fern von ihnen … so glücklich wie möglich.
Doch als ich an jenem Abend nach Hause kam, begriff ich, dass ich nicht allein war. Es gab noch Menschen, die mir etwas bedeuteten.
„Ding Eins und Ding Zwei! Was macht ihr denn hier?“, rief ich lachend und stürzte mich auf sie, um sie zu umarmen. Meine Zwillingsbrüder waren so groß geworden – in meinen Augen waren sie bereits Riesen.
„Natürlich sind wir gekommen, um dich zu sehen!“, sagte Lucas mit einem breiten Lächeln.
„Papa hatte hier zu tun, und wir wollten dich besuchen“, fügte Loïc hinzu. Er sagte es nicht, aber ich wusste, dass diese Trennung für sie genauso schmerzhaft gewesen war wie für mich. Ich vermisste sie jeden Tag. Hinter ihnen sah ich meinen Vater aus dem Auto steigen.
„Es freut mich so sehr, dich zu sehen, Papa“, sagte ich und umarmte ihn fest.
Mein Vater. Meine Brüder. Meine Familie.
Ich hatte keine Großmutter mehr. Keine Mutter, keinen Gefährten und kein Rudel mehr. Aber ich hatte sie. Sie waren gekommen, sobald sich die Lage im Rudel beruhigt hatte. Man hatte versucht, uns zu trennen – doch man war gescheitert.
„Mein Kürbiskind“, sagte Papa mit sanfter Stimme. „Du kannst dir vorstellen, dass die Jungen am liebsten in Wolfsform hergekommen wären. Sie betteln schon seit Tagen darum, dich zu sehen, aber sie waren im Training.“
„Ich bin so glücklich, dass ihr hier seid. Ich habe euch vermisst.“
„Mein schönes Mädchen …“, murmelte er und umarmte mich erneut. In seinen Augen fühlte ich mich wirklich schön. Später, während wir das Geschirr spülten, fragte ich ohne viel Nachdenken:
„Verhandelst du eine Vereinbarung mit einem anderen Rudel?“ Der Ausdruck meines Vaters veränderte sich.
„Nein, mein Kürbiskind. Wir haben ein Problem mit Streunern.“
„Verdammt …“
„Es gerät außer Kontrolle. Und … es wird ein Treffen der Alphas hier in Belle Springs stattfinden.“
„Hier? In Belle … ah!“ Und da wurde mir alles klar. Diese Geschäftsführer, diese großen Unternehmer. Jetzt verstand ich: Diese Stadt war eine der wenigen neutralen Zonen für alle Rudel.
„Sei vorsichtig, verstanden?“, warnte mich Papa. „Lass dich von niemandem belästigen. Frag Jack vielleicht nach einem freien Tag. Deine Brüder werden in der Nähe sein. Pass auf dich auf, mein Kürbiskind. Deine Mutter wäre stolz auf die Frau, die du geworden bist. Vergiss nie: Du bist mutig, mein tapferes Mädchen.“ Er küsste meine Wange und ließ mich mit meinen Gedanken allein.
„Es ist nur ein Treffen der Alphas“, murmelte ich in jener Nacht im Bett. „Die meisten Werwölfe werden sich nicht einmal an mich erinnern.“
Der Morgen begann im Chaos. Überall lagen Vorräte herum. Jack tat alles, um das Diner ansehnlicher zu machen als je zuvor. Es war offensichtlich, dass diese Alphas Geld hatten. Sie waren überheblich, aber reich.
Ich umarmte meine Brüder zum Abschied und eilte zum Diner. Die Vorbereitungen für diesen berühmten „Geschäftsführergipfel“ waren bereits in vollem Gange.
„Kommt! Bringt die Tische!“, rief jemand.
Ich atmete tief ein. Es war nur ein weiterer Tag. Ein weiteres Ereignis.
Und trotzdem … hatte ich das Gefühl, dass etwas Großes bevorstand.
„Die Getränke sind da!“
„Das Essen ist fertig!“ Das Diner war so überlastet, dass ich mich schuldig fühlte, nach Urlaub zu fragen. Sie brauchten mich. Und als die Wölfe kamen … spürte ich es tief in meinem Bauch.
„Guter Gott … sie sind … ich meine … unglaublich schön“, rief Marianne mit offenem Mund. Sie waren alle groß, breitschultrig und von einer unmöglichen Schönheit – so, wie kein menschlicher Mann sein konnte. Sie sahen aus wie Models, wie Berühmtheiten.
„Verdammt … woher kommen diese Geschäftsführer?“
„Kommt schon, Mädchen, es gibt viel zu tun“, erinnerte uns Jack und holte uns zurück in die Realität.
„Ich meine es ernst, Élodie … hast du sie gesehen? Diese Männer sind massiv, ihre Muskeln … wahre Kunstwerke. Und diese Tattoos … mein Gott“, sagte Marianne und fächelte sich dramatisch Luft zu.
„Élodie, die Tische sind bereit, aber könntest du zum Eingang gehen und sie begrüßen?“, fragte Jack.
„Ich? Ich …“
„Bitte …“, fügte er hinzu. Jack war immer für meine Großmutter und für mich da gewesen. Ich schuldete ihm das. Widerwillig stand ich am Eingang des Diners. Ein Dutzend scharfer Blicke ruhte auf mir, als wäre ich eine Zirkusnummer. Sie musterten mich, als wäre ich nur ein unbedeutendes Insekt. Meine Haare waren zerzaust, und meine alte Uniform betonte mich keineswegs. Perfekt. Wirklich perfekt.
„Guten Tag! Willkommen! Folgen Sie mir bitte“, sagte ich und wies mit meinem Notizbuch auf ihre Tische. Und dann … stockte mein Herz.
Nein. Nein, das war nicht möglich. Meine Finger zitterten, als ich den Namen auf der Liste las.
„Norman Connor“, murmelte ich, kaum fähig, die Worte auszusprechen.
Die anderen Alphas traten zur Seite, um ihn vorbeizulassen … und da sah ich ihn.
Der Sohn des ehemaligen Alphas.
Ich hätte es ahnen müssen. Wenn alle Rudel der Region anwesend waren, musste Mondstein auch da sein. Doch ich hatte angenommen, sein Vater würde kommen – nicht er. Er musste nun die Position des Alphas eingenommen haben.
Norman war noch größer geworden. Im Gegensatz zu mir war er nur noch eindrucksvoller geworden. Sein dunkles Haar war perfekt frisiert, seine hellen Augen strahlten vor Selbstsicherheit. Seine gebräunte Haut und sein gemeißelter Körper waren unmöglich zu übersehen, und Tattoos lugten ein wenig aus dem Kragen seines makellosen Hemdes hervor. Er war größer als die anderen und bewegte sich mit der Sicherheit eines Mannes, der genau wusste, wie mächtig und anziehend er war.
Ich hörte Frauen seufzen, nur weil sie ihn ansahen.
Dann fiel sein Blick auf mich. Ein Schimmer der Überraschung zog über sein Gesicht. Er hatte nicht erwartet, mich hier zu sehen … und der Ausdruck in seinen Augen schnürte mir den Bauch zu. Ärger. Ekel.
Ich wich instinktiv zurück, atemlos. Die Erinnerungen trafen mich wie ein Schlag: Seine Hände, die mich aus dem Territorium zerrten, mich mitten in der Nacht im Wald zurückließen. Meine weinenden Brüder. Mein flehender Vater.
„Nein … du?“ Seine Stimme klang ungläubig, als sähe er seinen schlimmsten Albtraum.
Seine Augen verdüsterten sich. Er musterte mich von oben bis unten und wandte dann leicht den Kopf, als wollte er meinen Geruch meiden.
Er hasste mich.
So sehr, wie ich ihn hasste.
Aber warum? Was hatte ich ihm denn getan?
„Unmöglich …“, murmelte er. Ich fragte mich, wo meine Brüder waren und was geschehen würde … Norman war ihr Alpha. Sie könnten nichts tun, dachte ich, und dieser Gedanke schnürte mir den Magen zusammen.
Doch jemand sagte ihm etwas, das ihn aus seiner Betäubung riss. Norman presste die Kiefer zusammen, sein Körper spannte sich an, dann schritt er mit den anderen zu seinem Tisch.
Dann sah ich weitere: Die Wölfe vom Rudel der Krimson‑Fänge waren ebenfalls da. Claudes Sohn, Alpha Marco, trat vor und lächelte höhnisch, was mich erschaudern ließ.
„Na sieh mal an … was sehen wir da? Das runde Menschenmädchen? Die Verräterin?“, höhnte er mit böser Stimme.
Ich antwortete nicht. Meine Kehle war trocken, mein Körper zitterte.
„Wirst du nie müde, deine Nase dort hineinzustecken, wo sie nichts zu suchen hat? Oder lebst du wirklich in dieser elenden Stadt?“
„Ich … ich tue nur …“
„Ein Taugenichts“, flüsterte er kaum hörbar, doch die Worte trafen mich wie eine Ohrfeige. Die anderen Wölfe lachten boshaft.
Göttin … warum ich?
Ich zitterte, als Jack plötzlich erschien. Sein scharfer Blick streifte Marco, der sofort zurückwich.
„Geht es dir gut, Élodie?“, fragte Jack besorgt. Ich nickte. „Die neuen Uniformen sind endlich da. Etwas spät, aber hier sind sie. Ich hoffe, sie gefallen dir.“ Er reichte mir das Paket.
Verdammt.
Sobald ich die Uniform hob, wusste ich, dass es eine Katastrophe werden würde.
Der Rock war zu kurz. Das Hemd zu eng.
Ich zog mich um und blickte in den Spiegel.
Oh nein.
Der weiße Stoff umschmiegte jede Kurve. Ich hatte das Gefühl, dass bei der kleinsten Bewegung alles reißen könnte. Ich fühlte mich furchtbar unwohl.
„Wie soll ich so hinausgehen?“, stöhnte ich.
Vor ihnen.
Vor ihm.
Ich ballte die Fäuste.
Aber … er war nichts für mich. Und ich war nichts für ihn.
Er hatte mich tief verletzt. Wahrscheinlich erinnerte er sich nicht einmal mehr an mich. Ja … das musste ich glauben.
„Zum Teufel mit dir, du dummer Wolf“, murmelte ich zwischen den Zähnen.
Gerade als ich mich leicht vorbeugte, hörte ich ein vertrautes Knacken.
Ich erstarrte.
Ich drehte mich langsam zum Spiegel.
„Oh nein …“, flüsterte ich entsetzt. Die Naht vorne an meinem Hemd war gerissen. Ich fürchtete, der Rock würde folgen, wenn ich mich noch bewegte. Wie sollte ich so arbeiten gehen? Ich war verloren.
Ein tiefes, bedrohliches Knurren ertönte. Atemlos drehte ich mich hastig um.
In der Türöffnung stand Norman, der Alpha. Er sah wütend und unglaublich schön aus.
Sein scharfer Blick ruhte auf mir. Seine Kiefer waren zusammengepresst, seine Nasenflügel geweitet. Seine Augen verdüsterten sich und wanderten ohne Zurückhaltung über meinen Körper.
Und dann dieses Geräusch wieder.
Ein tiefes, raues Knurren, das mich von Kopf bis Fuß erschaudern ließ.
Ich war erledigt.